Schneetreiben oder: Gedanken in weiß

Ich laufe durch den Schnee. Das sanfte Knirschen unter meinen Füßen, zeugend von verdichtetem Untergrund, lässt ein heimeliges, ja fast romantisches, Gefühl aufkommen. Schneeflocken tanzen in unaufhörlichen Kaskaden, wild tanzend auf der sanftesten Brise, um mich herum. Ohne diesen beißenden Wind, der dem Winter so charakteristisch ist, lässt es sich aushalten.

Das Land hat sich unter seiner weißen Decke zum Winterschlaf begeben. Ein tiefer Schlaf. Die weiße Schicht, so anmutig, so verletzlich – sie ist urtümlichstes Symbol der Reinheit und weichen Schönheit, derer die Natur ihrer Art nach fähig ist. Wie der weiße Schleier das Land bedeckt und alle Konturen nach und nach auslöscht, drängt sich mir unwillkürlich eine Allegorie auf: der Schleier löscht alle Fehler, alle Sünden der Vergangenheit aus, er bedeckt sie mit einer reinen Schicht gleich einem neuen Blatt Papier, auf das das Leben in einer neuen Geschichte geschrieben wird. Bevor jedoch mit einer neuen Geschichte begonnen wird, sollte die alte vollendet sein. Factum infectum fieri non potest. Aber ist das wirklich der Fall? Die Zeit, so sagt man, wartet auf niemanden. Manche sagen, sie ist eine Illusion, andere personifizieren sie als Raubtier. Welcher Annahme man auch für sich einnimmt, Tatsache ist, dass die Zeit einen letztlich immer einholt. Sicher, man kann ihr entfliehen, mit Ärzten, Medikamenten und modernster Technologie – zumindest für eine Weile; am Ende hat sie noch jeden und alles eingeholt. Mit diesem wenig ermutigenden Gedanken im Kopf führen mich meine Füße durch die vertraute und doch so fremde Winterlandschaft hin zu dem Bach. Schon von weitem kann man sein Rauschen seiner schnellsten Stelle vernehmen. Die Temperatur war wohl nicht niedrig genug um seine Macht in gläserne Starre fallen zu lassen. Und gleich seinem Wasser, treiben auch meine Gedanken dahin. Immer weiter, immer weiter ins Diffuse…

So hoffe ich, dass der absolutistische Schleier auch auf mich fällt.

Eine fette Schneeflocke taumelt in irren Spiralen an meinen Augen vorbei, ganz langsam, bahnt sich, von dem aufsteigenden dünnen Rauchfaden unbeeindruckt einen Weg auf die Glutspitze meiner Zigarette wo sie in einem kaum merklichen Zischen ihr jähes Ende findet. Der Wind nimmt wieder zu. Und, wie Borchert schon bemerkte, ist der Wind das letzte was bleibt.

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